Laut Programm versprach der heutige Seminartag nicht ganz so fordernd zu werden, schließlich stand Freestyle auf dem Tagesplan. Ein wenig Spielerei mit dem zugedachten Material, das sollte doch entspannend sein. Außerdem war für die Lektion ein engerer Zeitplan vorgegeben, da wir uns abends zum Galadinner versammeln werden.
Allerdings ist Freestyle die Paradedisziplin von Prof. Sasaki. Er hat sogar vor Kurzem ein Buch zu diesem Thema herausgegeben. Um es vorwegzunehmen, die Korrekturen waren diesmal um einiges schärfer und detaillierter als in den vergangenen beiden Tagen. Es gab nur wenige Arrangements, die nicht zerpflückt und von Grund auf neu gestaltet wurden. Die verbesserten Arbeiten waren dann aber auch sensationell gut.
Bereits die Theorie wurde sehr ausführlich behandelt und es wurde speziell auf die Unterschiede zwischen natürlichen/naturnahen und designhaften Arrangements hingewiesen.
Von uns wurde ein designhafter Ausdruck verlangt, wobei auf die Faktoren Farbe-Form-Textur bzw. Linie-Fläche-Punkt-Masse Rücksicht genommen werden sollte. Zudem sollten wir möglichst keine weiten Schalen und ungewöhnliche Gefäße wie beispielsweise V- oder U-Formen verwenden. Bevorzugt werden sollten längliche Schalen, Blockgefäße oder andere Vasen mit nicht zu kleiner Öffnung. Befestigung vorzugsweise im kenzan, Steckmasse war ebenfalls zulässig.
Prof. Sasaki gestaltet seine Freestyle-Arbeiten nach dem Prinzip shu-yo, wie es auch im Shimpūtai der Fall ist. Also ein deutlich erkennbares Hauptmaterial, das mit anderen Materialien ergänzt wird, sowie ein Fokuspunkt. Dabei sollte bei der Gestaltung nicht auf Richtung/Bewegung und Rhythmus vergessen werden.
Wir alle bekamen ein fertig zusammengestelltes Blumenpaket, das acht hellrosa Wicken, drei Narzissen, ein Hypericum, zehn Stiele Steelgras und etwas gefleckte Dracaena godseffiana enthielt.
Allein aufgrund von Anzahl und Farbe wählten fast alle die Wicken als Hauptmaterial und gestalteten ihre Arbeiten. Und bei der Korrektur begann dann der große Kahlschlag. Die erste Frage lautete immer, was denn als Hauptmaterial gedacht sei. Im Fall von Wicken hieß es dann weiter: soll Masse oder Linie betont werden? War es Masse, wurden die Wicken so kompaktiert, dass keine Stiele sichtbar blieben. Dabei achtete Sasaki-Sensei aber dennoch auf Höhenunterschiede und Richtung. Dann kam noch etwas Gelb als Akzent dazu und vielleicht noch Blätter oder das eine oder andere Steelgras.
Sollten die Wicken als Linienmaterial verwendet werden, wurden die Blüten deutlich reduziert und die wunderbar geschwungenen Stiele in Szene gesetzt. Dazu oft am Fuß jedes Stiels einzelne Dracaena-Blätter und eventuell noch etwas von den anderen Pflanzen. Bei den gut 25 Arrangements, in denen Wicken als Hauptmaterial vorkamen, gab es keine zwei Arbeiten, die sich geähnelt hätten.
Ich hatte im Gefäßraum eine interessante blaue Vase gefunden, die entweder aufgestellt als Oval mit nach vorne zeigender Öffnung verwendet werden konnte oder liegend als eine Art Schale. Das wäre die Notlösung gewesen, wenn ich mit der stehenden Variante nicht zurecht gekommen wäre.
Bei meinem Arrangement standen die Narzissen im Mittelpunkt. Ich hatte die Idee, eine hohe Blüte in eine Art Fenster aus Steelgras zu stellen und einzelne Wickenblüten als Hintergrund für eine tief gesetzte weitere Narzisse zu verwenden. Das Konzept fand beim ersten schnellen Blick des Professors Zustimmung, nur sollte ich auch die dritte Narzisse verwenden, um sie als Hauptmaterial noch stärker zu betonen. Bei der eigentlichen Korrektur gab es dann nicht mehr viel auszusetzen, nur eine Hypericumbeere sollte ich herausnehmen, damit das Überraschungsmoment nicht aufgeteilt wird.
Bei Anne und Monika stand heute Shōka isshu-ike mit Yoshino-Kirsche auf dem Programm. Das eigentliche Thema lautete zwar Denka-Shōka (davon handelte auch die Theorie), aber dafür gab es einerseits nicht genügend passende Gefäße, zudem sind die für Denka notwendigen Kirschsorten nicht so einfach aufzutreiben und auch die benötigte Kiefer ist mittlerweile sogar in Japan Mangelware.
Aber die kleinblütige Yoshino-Kirsche war auch in der Standard-Form ein würdiger Ersatz. Die Zweige waren alle gut 150 cm lang und wiesen eine entsprechende Dicke auf. Außerdem ließen sie sich gut biegen, was das Arrangieren etwas einfacher machte. Professor Tsuchiya hat es auch bei diesem Arrangement mit der Korrektur sehr genau genommen, wodurch es dann schlussendlich mit der Zeit beinahe etwas knapp wurde.
Wir alle haben es aber dann doch noch rechtzeitig zurück ins Hotel geschafft, damit wir uns für das Galadinner präsentabel machen konnten. Im Gegensatz zum Sommer waren diesmal Tische und Sessel aufgestellt und auch das Buffet wurde immer wieder nachgefüllt. Insgesamt waren beinahe 300 Teilnehmer aus aller Welt zum Seminar gekommen, das sind fast doppelt so viele wie im vergangenen Sommer. Mal schauen, wie es beim nächsten World Seminar aussehen wird. Das ist übrigens für Mai 2027 geplant (allerdings noch nicht offiziell bekanntgegeben).
Morgen steht dann leider schon wieder der letzte Unterrichtstag an. Die Zeit vergeht so rasend schnell. Aber hier erst einmal unsere heutigen Arbeiten.
'Frühlingsprinzessin'
Kirschblüte im Rokkakudo