Freitag, 12. Juni 2026

Seminar in Bern - Ausstellung

Der Ausstellungstag begann schon einmal recht vielversprechend. Wir durften nacheinander zu Professor Sasaki kommen und erhielten von ihm mit den Worten 'good luck' ein mehrfach gefaltetes Zettelchen mit der Nummer des Überraschungspaketes. Er scherzte noch, dass er schuld daran ist, wenn wir mit den Pflanzen nicht zurechtkommen sollten, da schließlich er für die Auswahl und Zusammenstellung verantwortlich sei. 
Ich durfte mich über mein Wunschpaket freuen und auch Anne war mit ihrem Los sehr zufrieden. Zudem hatten wir noch jede Menge Restmaterialien der vergangenen Tage zur Verfügung, falls uns etwas fehlen sollte. 

Wir konnten uns mit dem Arrangieren Zeit lassen, sollten aber bis Mittag fertig werden. Für eine erste Korrektur kam Sensei an den Arbeitsplatz, danach mussten wir unsere Arbeiten auf die zugewiesenen Ausstellungsplätze stellen und dort die Endkorrektur vornehmen lassen. Da speziell bei den Plätzen im Foyer (wo sich Anne und ich einen Tisch teilen durften) verschiedene Sichtachsen möglich sind, mussten wir besonders darauf achten, dass unsere Arrangements aus allen Perspektiven gefällig aussehen. 

Anne arrangierte in ihrem Donut - diesmal auf Oasis - mit Silberpfennig (Lunaria, noch in der unreifen, grünen Form) als Strukturpflanze und roten Rosen als Hauptmaterial. Dazu kam noch eine kleine Wolke aus Frauenmantel an der Basis, aus der als Überraschungsmoment eine Anthurienblüte aus dem mitgebrachten Topf hervorlugte. Ursprünglich hatte sie eine Glockenblume verwendet, Sensei Sasaki meinte aber, der Kontrast wäre zu stark. 

Mein Paket enthielt wunderbare, panaschierte Ingwerblätter, noch sehr geschlossene weiße Lilien, Spraynelken, Asparagus plumosus und ziemlich verbogene Liriope-Blätter, die als Affengras ausgewiesen waren. Die kamen gleich mal auf das Abstellgleis. Stattdessen wollte ich die mitgebrachten Binsen verwenden und vielleicht noch etwas Schleierkraut zur Aufhellung hinzufügen. 
Die Lilien landeten kurz geschnitten im warmen Wasser und mit etwas Geburtshilfe öffneten sie sich zumindest ein wenig. Ihre volle Wirkung werden sie vermutlich erst morgen entfalten. Die Ingwerblätter wurden vorsorglich gedopt, da ich die Befürchtung hatte, dass sie sich eventuell einrollen könnten. Leider hat sich diese Vorahnung später bestätigt: Die jüngeren Blätter neigen dazu, sich zusammenzufalten, wenn es ihnen an Luftfeuchtigkeit mangelt. 

Ich verwendete die Blätter zu beiden Seiten hin, allerdings in unterschiedlichen Winkeln, um den Raum abzugrenzen. Auf einer Seite unterstützten einige Binsen die Aufwärtsbewegung, gegenüber kam der Asparagus als Massekontrast zum Einsatz und wurde von etwas Schleierkraut begleitet. Die Lilien bildeten niedrig nach vorne gerichtet die Hauptblume und die orangefarbenen Spraynelken setzten farbliche Akzente. Das Oasis habe ich mit einer Schicht irisierender Glasmurmeln abgedeckt, die für einen weiteren Überraschungsmoment sorgen. 
Professor Sasaki hatte an meinem Arrangement fast nichts auszusetzen, er hat nur eine lange, zur Seite hin verlaufende Spraynelke entfernt und eine stärkere Betonung der Akzente in der Mitte angeregt. 

Leider gab es auch eine Panne mit einer Vasenserie, die ausgerechnet unseren Sensei betraf. Er hatte sein großes Arrangement – eine Kombination aus drei hohen Vasen mit Unmengen an Hortensien und Perückenstrauch – fertiggestellt, als die Vasen nach und nach undicht wurden. Schnell wurden Ersatzvasen aufgetrieben, von denen aber wieder welche leckten. Im Endeffekt musste er seine Arbeit mehrfach umgestalten, denn erst nach dem dritten oder vierten Umsetzen (und dem Trockenlegen der Ausstellungsfläche) waren alle drei Vasen dicht. Bewundernswert, dass Sensei seinen Humor nicht verloren hat und klaglos jedes Mal von vorne begonnen hat. Glücklicherweise war auch genügend Material vorhanden. 

Gegen 14:30 Uhr begann dann der große Umbau des Vortragssaals. Hausarbeiter entfernten unsere Arbeitstische, reinigten alles und begannen damit, die Bestuhlung für die Demo am Samstag herzurichten. Währenddessen kümmerten wir uns um die Versorgung und Verteilung des Restmaterials und behielten nur das nötige Ersatzmaterial, falls bei den Ausstellungsstücken etwas ausgetauscht werden muss. Die Blumen und Gefäße für die Vorführung wurden ebenfalls verstaut. 
Zu jedem Arrangement gibt es ein sehr schön gestaltetes Schild mit dem Namen des Ikebanesen und jenem der Keramikkünstlerin, die für das entsprechende Gefäß verantwortlich zeichnet. 

Die Eröffnung ging um 17 Uhr mit geladenen Gästen über die Bühne und gestaltete sich sehr familiär. Neben uns Ikebanesen waren die Keramikkünstlerinnen, ihre Betreuer, Familie und Freunde anwesend. Auch der japanische Kulturattaché und Gattin gaben sich die Ehre. Ab 18 Uhr war die Ausstellung dann allgemein zugänglich. 
Um das leibliche Wohl kümmerte sich das Mensapersonal überaus herzlich und liebevoll. Überhaupt ist das Haus sehr entgegenkommend und der Veranstaltungssaal eignet sich hervorragend für Ikebana. 

Morgen haben Anne und ich gleich in der Früh Aufsichtsdienst. Unsere Schicht ist rechtzeitig zur Vorführung von Sasaki-Sensei zu Ende und danach haben wir frei und können ein wenig Sightseeing betreiben. Anne fährt dann noch am Abend heim, während sich mein Zug am Sonntagmorgen auf den Weg macht. 
Die Ausstellung selbst läuft zwar noch bis Sonntagabend, da aber mein Gefäß bereits eine Käuferin gefunden hat und ich in Steckmasse gearbeitet habe, brauche ich mich um nichts mehr zu kümmern. 

Hier nun die Bilder unserer Ausstellungsexponate. Die offiziellen Ausstellungsfotos werden zu gegebener Zeit auf der Website der Study Group Bern (https://www.ikenobobern.com/) veröffentlicht.


Donnerstag, 11. Juni 2026

Seminar in Bern - Tag 3

Heute stand also Freestyle in den uns zugeteilten Vasen auf dem Programm. Da es von jeder Serie kleine, mittlere und große Vasen mit je drei leicht unterschiedlichen Exemplaren gibt, konnten wir doch noch ein wenig mitbestimmen und die für jeden schönste/passendste Vase aussuchen. 
Ich hatte noch dazu das Glück, dass ich die einzige war, der die mittlere Größe einer bestimmten Serie zugeteilt worden war. Also musste ich mit niemandem diskutieren, sondern konnte in Ruhe auswählen. Auch Anne war glücklich, dass sie ihren Donut mit der hellen Glasur ergattern konnte. 

Das Blumenpaket war überaus umfangreich und passte zu allen Gefäßtypen und Größen Es gab sehr knusprige Palmkätzchen als Linienmaterial (Japaner scheinen darauf zu stehen, unabhängig davon, dass sie derzeit nicht üblich sind), Xanadu-Blätter, großblütige Gerbera mit einer interessanten Blütenform, eine neuartige Züchtung von Glockenblumen (hauptsächlich grün mit leichten blauen Akzenten und eher schalenförmigen Blüten), Schleierkraut und Frauenmantel. 
Die Menge hätte ausgereicht, eine riesige Schale komplett zu füllen. Eine Vase mit Aschenbecherdurchmesser und einer Höhe von ebenfalls etwa 15 cm geht inmitten der Fülle an Blumen geradezu unter. Von meiner Vasenserie haben alle Teile denselben Durchmesser, nur die Höhen variieren zwischen fünf und 30 cm. 
Mit der mittleren Größe habe ich noch das beste Los gezogen. Die flache Variante wirkt mickrig und ist ebenso schwierig zu bespielen wie das hohe Exemplar. Das benötigt wirklich sehr viel Material (und kiloweise Kies), um ein halbwegs balanciertes Arrangement zu erzielen. Aber Sasaki-Sensei ist der Meinung, dass man auch in kleinen Gefäßen groß und ausladend arbeiten kann. 

Der Unterricht wurde heute hauptsächlich anhand von Fotos abgehalten, wobei Professor Sasaki die nötigen Erläuterungen lieferte, warum etwas wie gemacht wurde. Er hat eigentlich nur Bilder seiner eigenen Arbeiten gezeigt und seine einzigartige Handschrift ist dabei sehr deutlich zutage getreten. Die kann man nun mögen oder auch nicht. Sensei hat selbst erzählt, dass er anfangs vom Headmaster gerügt wurde, dass seine Arbeiten etwas zu avantgardistisch und fremdartig seien. Aber sein Stil wurde schlussendlich akzeptiert. Ich persönlich habe ein wenig zwiespältige Gefühle bei einigen seiner Arrangements, aber das ist laut Aussage vom Professor durchaus gewollt. Nonkonformismus kann ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal sein. 

Wir sollen alle unsere eigene Handschrift finden und uns dabei ein paar wichtige Punkte einprägen: Das Arrangement muss einen Rahmen haben, der es im Raum definiert und abgrenzt (man könnte auch sagen, dass man eine Bühne baut und damit die Grenzen des Arrangements definiert). Dabei sind Bewegung und Richtung wichtig. Das Strukturmaterial kann gleichzeitig das Hauptmaterial der Arbeit sein, welches deutlich erkennbar sein muss. Dabei kann es sich um Pflanzen in ihrer Gesamtheit handeln oder auch um spezifische Teile davon. Wenn Haupt- und Strukturmaterial aus unterschiedlichen Pflanzen bestehen, sollten entsprechende Kontraste vorhanden sein – wie bei in und yo im Shimpūtai. 
Ein weiteres unabdingbares Element ist der Fokuspunkt, der sich auf der Bühne befindet und den Blick auf sich zieht. Dabei kann es sich durchaus um mehrere unterschiedliche Materialien handeln, solange alles in Balance bleibt. Weitere Elemente werden nach Bedarf hinzugefügt. Allerdings sollte man mit so wenig wie unbedingt nötigen Pflanzenarten arbeiten, denn sonst geht der klare Ausdruck verloren. 

Nach der Mittagspause konnten wir uns also mit den Vasen vertraut machen und versuchen, das Material bestmöglich einzusetzen und dabei das eigentliche Ziel unseres Arrangements nicht aus den Augen zu verlieren. Gar nicht so einfach. Laut Sensei hilft es, wenn man seiner Arbeit einen Titel oder ein Thema zuweist und versucht, Gemeinsamkeiten und Kontraste zu finden. 

Anne konnte sich mit dem vorgesehenen Material nicht wirklich anfreunden, es hat einfach nicht mit ihrem Gefäß harmoniert. Also hat sie aus sehr viel Perückenstrauch, Anthurienblüten und einer Spraynelke als Fokuspunkt ein Arrangement mit dem Titel 'Über den Wolken' gestaltet. Sensei war davon angetan, verlangte aber beim ersten Korrekturdurchgang nach noch mehr 'Wolken'. Bei der Endkorrektur merkte er dann an, dass das Arrangement für eine Übung sehr gelungen ist, ein Ausstellungsarrangement allerdings noch ein paar zusätzliche Linien vertragen könnte, um den Raum noch deutlicher zu begrenzen. 

Ich habe mir bei meinem Arrangement die runden Muster auf der Vasenoberfläche als Inspirationsquelle genommen und mit dem Titel 'Kreise' gearbeitet. Silberne Aludrahtschlingen haben eine spiralförmige Struktur rund um die Vase gebildet, die ihren Abschluss in einer grünen Hypericumbeere fand. Die Xanadu-Blätter wurden ebenfalls in einer gebogenen Linie angeordnet und die Zwischenräume mit Schleierkraut und gelbgrünen Frauenmantelblüten locker gefüllt. Die runde Gerberablüte dient als Blickfang und eine blaugrüne Glockenblume bildet den Kontrapunkt. 
Das Farbschema beschränkt sich hauptsächlich auf verschiedene, zur Vasenfarbe passende Grüntöne, während das Weiß des Schleierkrauts die Verbindung zum Aludraht herstellt. Dadurch wirkt der Kontrast der rosafarbenen Gerbera noch stärker. Professor Sasaki fand die Komposition gelungen und lobte die Raumaufteilung, merkte allerdings an, dass das Ausstellungsarrangement mit mehr Blumen gearbeitet werden sollte. Besucher, die vielleicht nicht so viel Ahnung von Ikebana haben, werden durch leuchtende Farben und zahlreiche Blüten wesentlich besser angesprochen. 

Für die eigentlichen Ausstellungsarrangements wurden fünf unterschiedliche Überraschungspakete zusammengestellt, die morgen verlost werden. Wir dürfen untereinander tauschen, wenn wir mit dem Los nicht zufrieden sind, und auch sämtliche Restmaterialien stehen uns zur Verfügung. 
Bei den Vasen können wir eventuell innerhalb der Serie der zugeteilten Größe noch wechseln. Aber da wir jetzt mit der erforderlichen Technik vertraut sind, wird das wohl nur dann der Fall sein, wenn das zugeloste Material farbmäßig nicht zur Vase passen sollte. Ich bin mir sicher, dass sehr vielfältige Arbeiten entstehen werden.

Da das offizielle Seminar nun zu Ende ist, erhielten wir die Zertifikate überreicht und Professor Sasaki konnte noch zwei Diplome an Mitglieder der Study Group Bern verleihen. Während wir uns verabschiedeten, um den Tag gemütlich ausklingen zu lassen und Kraft für morgen zu sammeln, sind Kyoko und Sensei mit der Vorbereitung der Vorführung und ihren Ausstellungsarrangements beschäftigt. Morgen müssen schließlich noch all unsere Arbeiten korrigiert werden, bevor die Ausstellung am Abend im kleinen Kreis eröffnet wird. Da bleibt keine Zeit mehr für weitere Vorbereitungsarbeiten. Es wird wohl ein langer Abend werden, obwohl Sasaki-Sensei sehr zügig arbeitet.

Hier nun unsere beiden Werke, mit denen wir sehr zufrieden sind.

Mittwoch, 10. Juni 2026

Seminar in Bern - Tag 2

Nach dem regelkonformen Arbeiten vom Dienstag war heute sprühende Kreativität angesagt. Auf dem Programm standen Shōka shimpūtai (2 Arrangements) für Gruppe 1 und Rikka shimpūtai für Gruppe 2. 
Professor Sasaki startete den Unterricht mit einer erweiterten Erklärung von nimai-oha, da am Vortag doch einige Fragen aufgekommen waren. Danach folgte eine sehr interessante Lektion über Shimpūtai im Allgemeinen und es wurden Vergleiche zu Shōka und Rikka shōfūtai gezogen. Dabei ging es vor allem um die Beziehung von in und yo und worauf man beim Shimpūtai sonst noch achten sollte. 

Gruppe 1 hatte vielfältiges Material zur Auswahl, darunter schmale Cordyline-Blätter (die wir am Vortag bereits für das Rikka verwendet haben), Perückenstrauch und Amarant. Aus diesem Set wurde auch das Vorführ-Arrangement gestaltet – so ganz ohne auffällige Blüten. Die Cordyline-Blätter waren shu, der Amarant yo und für ashirai verwendete Sensei den Perückenstrauch. 
Weitere Pflanzen umfassten verschiedenfarbige Calla im Topf, Glockenblumen, Weizen und zarte Schachtelhalme. Auf Pflanzen vom Vortag konnte selbstverständlich ebenfalls zurückgegriffen werden. 

Für Gruppe 2 gab es ebenfalls Perückenstrauch, diesmal allerdings wesentlich längere und kräftigere Zweige. Dazu gesellten sich Ixien, Rittersporn, Frauenmantel, Galax-Blätter, Schachtelhalm und Steelgras sowie Weizen, Neuseelandflachs, Astrantien und Scabiosa stellata. Das Beispielarrangement war sehr raumgreifend und Sensei wies besonders darauf hin, dass der hauptsächliche Unterschied zwischen Shōka und Rikka (hinsichtlich shōfūtai, was aber auch für shimpūtai gilt) im Lichteinfall liegt. 
Shōka beschreibt einen Sichelmond, während Rikka den Vollmond darstellt. Deshalb soll ein Rikka shimpūtai zwar viel freien Raum aufweisen, dennoch aber insgesamt eine ungefähre Kugelform umfassen. Shōka shimpūtai hingegen ist stärker asymmetrisch ausgerichtet. 

Die Materialzusammenstellung ließ uns nicht viel Spielraum hinsichtlich shu, denn der Perückenstrauch ist einfach zu dominant. Aber bereits bei der Auswahl von yo gab es mehrere Optionen und auch die generelle Gestaltung der Arrangements war überaus vielfältig. 

Bezüglich der Veröffentlichung von Fotos wurde extra darauf hingewiesen, dass man nur die genehmigten Arrangements des Professors posten darf sowie die eigenen Arbeiten. Alle anderen Werke sind tabu, außer es gibt die explizite Einwilligung der Arrangierenden. 

Beim Arbeiten mussten wir uns heute etwas sputen, da Professor Sasaki noch einen Vortrag und eine kleine Vorführung für Studierende und Lehrkräfte der Designschule abhalten muss. Dafür werden rund 70 Teilnehmer*innen erwartet (und wir dürfen nicht dabei sein). Außerdem steht noch das gemeinsame festliche Abendessen an. Ein dichter Zeitplan, aber wir sind gut fertig geworden und auch das Material für den morgigen Freestyle-Tag wurde zeitgerecht verteilt. 

Der morgige Tag wird sowieso ziemlich spannend, da wir erstmals in den Ausstellungsgefäßen üben dürfen. Zuerst noch alle mit identem Material, damit wir uns mit den Vasen und den passenden Techniken vertraut machen können. Für die Ausstellung gibt es dann allerdings verschiedene Überraschungspakete, damit die Arbeiten vielfältiger werden.

Hier nun die heutigen Werke:

Prof. Sasaki's Arbeiten ...
... und unsere Werke

Dienstag, 9. Juni 2026

Seminar in Bern - Tag 1

Anne und ich nehmen derzeit am Seminar mit Professor Yasuto Sasaki in Bern teil, das anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Study Group Bern veranstaltet wird. Da gleichzeitig das 150-jährige Jubiläum der Schule für Gestaltung Bern und Biel begangen wird, hat sich eine Zusammenarbeit geradezu angeboten. 
Wir dürfen die Räumlichkeiten im Bernapark nutzen und veranstalten nach dem Seminar eine Ausstellung, bei der in Gefäßen von Absolventen der Keramikklasse arrangiert wird. Die Ausstellung steht unter dem Motto 'Dialog der Formen' und wird von einer Demonstration von Sasaki-Sensei begleitet werden. 

Die Räumlichkeiten im Bernapark befinden sich in einer ehemaligen Kartonfabrik und vermitteln trotz Sanierung und Modernisierung ein entsprechendes Werkshallenambiente. Und auch die klimatischen Verhältnisse sind sehr gut. 
Kyoko und ihr Team haben das Seminar auf bewährte Weise super organisiert und es herrscht eine entspannte Stimmung. Der Kurs ist auf 25 Teilnehmer*innen beschränkt und wir sind je nach Kenntnisstand in Gruppen eingeteilt. Für den Professor bedeutet das natürlich mehr Arbeit, da er zumindest zwei Arrangements pro Tag vorführen darf. 

Zum Aufwärmen standen heute shōfūtai-Formen auf dem Programm, und zwar Shōka sanshu-ike und nishu-ike für Gruppe 1 und Rikka shōfūtai für Gruppe 2. Das sanshu-ike aus Allium, Ruscus und Oxypetalum wurde vorgeführt, am Nachmittag mussten sich die Damen das nishu-ike aus Ruscus und Oxypetalum selbst erarbeiten. 
Für die Rikka-Leute ging es um das Herausarbeiten einer betonten Linie (eventuell im Zusammenspiel mit nimai-oha) und den entsprechenden Abänderungen in der Standardform, die sich daraus ergeben. Wer wollte, konnte auch eine andere Variante als das vorgeführte Beispiel gestalten. 

Sasaki-Sensei arrangierte ein eher kleines Rikka, da der Agapanthus relativ kurz war und er keinen ukezutsu verwenden wollte. Als betonte Linie wurde soe aus Hängeasparagus gestaltet und Crotonblätter als nimai-oha sorgten dafür, dass die Ränder des Arrangements nicht zu schwach erschienen. 

Der Asparagus in meinem Kübel glich eher einer Krüppelkiefer und eignete sich so gar nicht für einen schön schwingenden soe. Also verwendete ich ihn als betonten mikoshi, wodurch sich aber auch weitere Änderungen ergaben. 
Um nicht zu viel Gewicht auf in-kata zu legen, wanderte nagashi als hidari-nagashi nach rechts (ich habe natürlich wieder gyaku-gatte arrangiert) und gleichzeitig wurde soe schmaler und aufrechter als üblich gearbeitet. Nimai-oha wurden als mikoshi-shita und soe-shita eingesetzt. Auch die Materialien habe ich teilweise anders als Sensei verwendet, was wiederum mit der Eignung der einzelnen Pflanzen für bestimmte Elemente begründet war. 
Anne hingegen hat sich brav an die Vorlage gehalten und gut nachgearbeitet. Beim Fotografieren allerdings ist der kenzan etwas verrutscht, weshalb der Fuß nicht ganz in der Mitte steht. 

Apropos Foto: Es wurde ein sehr schöner Fotoplatz mit professioneller Beleuchtung eingerichtet und alle Arbeiten werden vom Team mit und ohne Namensschilder fotografiert. Professor Sasaki hat seine heutigen Arbeiten selbst fotografiert und abgesegnet, sodass sie hier veröffentlicht werden dürfen.
Morgen geht es dann weiter mit Shōka und Rikka shimpūtai, bevor wir uns abends zum gemeinsamen festlichen Abendessen treffen.
Hier nun unsere heutigen Arbeiten:

Arrangements Prof. Sasaki
und unsere Arbeiten

Montag, 1. Juni 2026

Frühsommerworkshop in der ÖGG

Am Wochenende sind wir beim Workshop ziemlich ins Schwitzen gekommen. Nicht nur wegen des teilweise anspruchsvollen Programms, sondern hauptsächlich wegen der Temperaturen. Für Ende Mai hat der Sommer ein sehr kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben und das Thermometer auf über 30 Grad klettern lassen. 
Die Pflanzen haben das erstaunlich gut weggesteckt, lediglich die Astilben haben buchstäblich ihr Leben ausgehaucht. Etwa 20 Minuten, nachdem sie aus der Plastikverpackung genommen wurden, hatten sie sich komplett verabschiedet. Blätter vertrocknet, Blütenfarbe verändert, lediglich als Kompost zu gebrauchen. Und dabei wollten wir damit Denka üben. So schnell können sich Pläne ändern. 

Der Workshop hatte Shōka in unterschiedlichen Variationen zum Thema, aufgelockert durch Freestyle, damit man zwischendurch auch mal wieder durchschnaufen konnte. Der Unterricht fand diesmal auf Deutsch und Englisch statt, wodurch sich die Theorie-Einheiten doch deutlich verlängert haben. Trotzdem ist das praktische Arbeiten nicht zu kurz gekommen. 

Freitag begannen wir mit einer Schulform: Shōka nishu-ike mit Liatris und Astern. Die Liatris ließen sich recht gut biegen und die vielen weißen Blüten der Astern erforderten ein sorgfältiges Ausschneiden. 
Wer nur halb und nicht völlig tote Astilben im Paket vorgefunden hat, konnte die noch für Shōka shimpūtai oder Freestyle verwenden. Zudem blieb genügend Zeit für die eine oder andere Prüfungsarbeit. 

Am Samstag konnten wir uns doch noch mit Denka beschäftigen, allerdings mit Calla. Die Zantedeschien waren ein wenig kurz geraten, vermutlich hat man die Topfpflanzen chemisch gestaucht. Aber um das Prinzip kennenzulernen, wie man Calla korrekt arrangiert, reichte das Material völlig aus. 
Neben dem Denka-Shōka standen noch zwei Variationen von Shōka sanshu-ike auf dem Programm. Dafür hatten wir Scabiosa, Plattährengras und Bartnelken zur Verfügung sowie zarten Rittersporn, Wiesenknopf und Santini-Chrysanthemen. Wer wollte, konnte selbstverständlich auch eigene Materialkombinationen wählen. Für die beiden geplanten Freestyle-Arrangements – einmal war eine Kombinationsform vorgesehen – gab es Pfingstrosen (die waren so knospig, dass wir erst ein wenig Geburtshilfe leisten mussten), Orlaya, Frauenmantel und Schafgarben sowie dunkelblaue Glockenblumen, Astern, Hypericum und Gräser. Auch hier galt: Freie Variation der Materialien erlaubt und sogar erwünscht. 

Der Sonntag bescherte uns ein Shōka sanshu-ike-kabu-wake mit Agapanthus, Asplenium (einer tropischen Hirschzunge, die in Japan sehr gerne für Rikka eingesetzt wird) und Seidenpflanze in einem leuchtenden Orange. Die Materialkombination eignete sich mehr für ein designhaftes sanshu-ike, da der Fokus auf Farben, Formen und Texturen lag. 
Neben der üblichen Teilung in shin/soe und abgetrennter tai-Gruppe konnte auch die Variante soe-wake ausprobiert werden. Dafür sollte man allerdings die Asplenium-Blätter durch anderes Material ersetzen, da die Hirschzungen doch teilweise sehr breit und mächtig sind. 

Auch an diesem Tag gab es zur Auflockerung Freestyle. Man konnte in einer hohen Vase arrangieren (vorgesehen waren grüne Bartnelken, Cosmeen, Kornblumen, Wiesenknopf und Gräser) und/oder sich mit einem kreativen Gefäß auseinandersetzen. Für Letzteres versprach die Blumenliste Clematis, Hypericum, Frauenmantel, Steelgras und Santini-Chrysanthemen. 

Als krönenden Abschluss enthielt das Blumenpaket Kängurupfötchen, Schnittcalla, Nigella-Kapseln und Kornblumen, die mit anderen Restmaterialien als Shōka shimpūtai (oder auch in jeder anderen Form) präsentiert werden sollten. 

Der Workshop verlief sehr harmonisch und es gab nur einen kleinen Beinaheunfall mit einer Vase und einem plötzlich auffliegenden Fensterflügel. Leider hat es dann noch ein anderes Gefäß erwischt, das gekippt ist und mit dem Fliesenboden Bekanntschaft gemacht hat. Allerdings dürfte der Schaden nicht ganz so gravierend sein. Vielleicht lässt sich die Absplitterung noch reparieren. 

Pünktlich zum Ende des Workshops schlug dann auch noch das Wetter um und erste Regentropfen begleiteten uns auf unseren Heimwegen. Insgesamt war es wieder ein sehr befriedigender Workshop, der Ende August seine Fortsetzung finden wird. Dann liegt der Schwerpunkt auf Rikka in allen Ausprägungen. 
Hier nun ein kleiner Einblick in unser Schaffen, nicht mehr als zwei Beispiele pro Arrangementtyp.

Mittwoch, 27. Mai 2026

Shōka shimpūtai

Unser Unterricht stand gestern ganz im Zeichen von Shōka shimpūtai. Aber wer wollte, konnte auch Freestyle arrangieren. Wer keine Möglichkeit hatte, selbst Material mitzubringen, musste mit dem Überraschungspaket Vorlieb nehmen. Das enthielt vier unterschiedliche Pflanzenarten, die sich für beide Stile eignen, und die Kombinationsmöglichkeit blieb jedem selbst überlassen. 

Es ist nie einfach, die Auswahl jemand anders zu überlassen, denn die Geschmäcker und Vorlieben sind einfach zu unterschiedlich. Aber immerhin bietet das Vorhandensein von zumindest vier Materialien einen gewissen Gestaltungsspielraum. 
Beim anstehenden Workshop wird es ebenfalls Shōka shimpūtai geben. Da hat man dann neben den vorgesehenen Materialien eine weit größere Auswahl, da auch die Komponenten sämtlicher anderer Arrangements zur Verfügung stehen. 

Das Überraschungspaket enthielt wunderbar verbogene Glockenblumen aus Freilandkultur (kein Vergleich mit den steifen, großblütigen Exemplaren, die wir beim Workshop verwenden werden). Dazu kamen einjährige Hirse, eine Freesie in kontrastreichem Gelb und Philadelphuszweige. Letztere waren teilweise nur schwer verwendbar, da viele von ihnen waagrecht gewachsen sind und aufrechte oder schräge Exemplare die Ausnahme darstellten. Aber mit ein wenig Überredungskunst und einigen Tricks ließen sie sich dann doch in den Arrangements unterbringen. 

Der zweigeteilte Kurs hat sich bisher ganz gut bewährt. Da in jeder Gruppe nun weniger Teilnehmer*innen anwesend sind, bleibt mehr Zeit für jeden Einzelnen für ausführliche Korrekturen und die Abendlektion dauert nicht mehr ganz so lange. Dass die entsprechenden Erklärungen doppelt stattfinden müssen, fällt nicht so sehr ins Gewicht.
Der kommende Workshop wird hingegen wieder fordernder, da am Samstag alle Tische besetzt sein werden und Freitag und Sonntag ebenfalls sehr gut gebucht sind. Bleibt zu hoffen, dass das Pflanzenmaterial die vorhergesagten Temperaturen gut übersteht. Aber immerhin besitzt die ÖGG eine Klimaanlage. 
Beim nächsten Treffen Anfang Juni wird Uschi den Unterricht übernehmen. Das wird sicher wieder eine sehr kreative Lektion werden. Lassen wir uns überraschen. Hier nun unsere gestrigen Arbeiten und die ersten Hausübungen.