Donnerstag, 11. Juni 2026

Seminar in Bern - Tag 3

Heute stand also Freestyle in den uns zugeteilten Vasen auf dem Programm. Da es von jeder Serie kleine, mittlere und große Vasen mit je drei leicht unterschiedlichen Exemplaren gibt, konnten wir doch noch ein wenig mitbestimmen und die für jeden schönste/passendste Vase aussuchen. 
Ich hatte noch dazu das Glück, dass ich die einzige war, der die mittlere Größe einer bestimmten Serie zugeteilt worden war. Also musste ich mit niemandem diskutieren, sondern konnte in Ruhe auswählen. Auch Anne war glücklich, dass sie ihren Donut mit der hellen Glasur ergattern konnte. 

Das Blumenpaket war überaus umfangreich und passte zu allen Gefäßtypen und Größen Es gab sehr knusprige Palmkätzchen als Linienmaterial (Japaner scheinen darauf zu stehen, unabhängig davon, dass sie derzeit nicht üblich sind), Xanadu-Blätter, großblütige Gerbera mit einer interessanten Blütenform, eine neuartige Züchtung von Glockenblumen (hauptsächlich grün mit leichten blauen Akzenten und eher schalenförmigen Blüten), Schleierkraut und Frauenmantel. 
Die Menge hätte ausgereicht, eine riesige Schale komplett zu füllen. Eine Vase mit Aschenbecherdurchmesser und einer Höhe von ebenfalls etwa 15 cm geht inmitten der Fülle an Blumen geradezu unter. Von meiner Vasenserie haben alle Teile denselben Durchmesser, nur die Höhen variieren zwischen fünf und 30 cm. 
Mit der mittleren Größe habe ich noch das beste Los gezogen. Die flache Variante wirkt mickrig und ist ebenso schwierig zu bespielen wie das hohe Exemplar. Das benötigt wirklich sehr viel Material (und kiloweise Kies), um ein halbwegs balanciertes Arrangement zu erzielen. Aber Sasaki-Sensei ist der Meinung, dass man auch in kleinen Gefäßen groß und ausladend arbeiten kann. 

Der Unterricht wurde heute hauptsächlich anhand von Fotos abgehalten, wobei Professor Sasaki die nötigen Erläuterungen lieferte, warum etwas wie gemacht wurde. Er hat eigentlich nur Bilder seiner eigenen Arbeiten gezeigt und seine einzigartige Handschrift ist dabei sehr deutlich zutage getreten. Die kann man nun mögen oder auch nicht. Sensei hat selbst erzählt, dass er anfangs vom Headmaster gerügt wurde, dass seine Arbeiten etwas zu avantgardistisch und fremdartig seien. Aber sein Stil wurde schlussendlich akzeptiert. Ich persönlich habe ein wenig zwiespältige Gefühle bei einigen seiner Arrangements, aber das ist laut Aussage vom Professor durchaus gewollt. Nonkonformismus kann ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal sein. 

Wir sollen alle unsere eigene Handschrift finden und uns dabei ein paar wichtige Punkte einprägen: Das Arrangement muss einen Rahmen haben, der es im Raum definiert und abgrenzt (man könnte auch sagen, dass man eine Bühne baut und damit die Grenzen des Arrangements definiert). Dabei sind Bewegung und Richtung wichtig. Das Strukturmaterial kann gleichzeitig das Hauptmaterial der Arbeit sein, welches deutlich erkennbar sein muss. Dabei kann es sich um Pflanzen in ihrer Gesamtheit handeln oder auch um spezifische Teile davon. Wenn Haupt- und Strukturmaterial aus unterschiedlichen Pflanzen bestehen, sollten entsprechende Kontraste vorhanden sein – wie bei in und yo im Shimpūtai. 
Ein weiteres unabdingbares Element ist der Fokuspunkt, der sich auf der Bühne befindet und den Blick auf sich zieht. Dabei kann es sich durchaus um mehrere unterschiedliche Materialien handeln, solange alles in Balance bleibt. Weitere Elemente werden nach Bedarf hinzugefügt. Allerdings sollte man mit so wenig wie unbedingt nötigen Pflanzenarten arbeiten, denn sonst geht der klare Ausdruck verloren. 

Nach der Mittagspause konnten wir uns also mit den Vasen vertraut machen und versuchen, das Material bestmöglich einzusetzen und dabei das eigentliche Ziel unseres Arrangements nicht aus den Augen zu verlieren. Gar nicht so einfach. Laut Sensei hilft es, wenn man seiner Arbeit einen Titel oder ein Thema zuweist und versucht, Gemeinsamkeiten und Kontraste zu finden. 

Anne konnte sich mit dem vorgesehenen Material nicht wirklich anfreunden, es hat einfach nicht mit ihrem Gefäß harmoniert. Also hat sie aus sehr viel Perückenstrauch, Anthurienblüten und einer Spraynelke als Fokuspunkt ein Arrangement mit dem Titel 'Über den Wolken' gestaltet. Sensei war davon angetan, verlangte aber beim ersten Korrekturdurchgang nach noch mehr 'Wolken'. Bei der Endkorrektur merkte er dann an, dass das Arrangement für eine Übung sehr gelungen ist, ein Ausstellungsarrangement allerdings noch ein paar zusätzliche Linien vertragen könnte, um den Raum noch deutlicher zu begrenzen. 

Ich habe mir bei meinem Arrangement die runden Muster auf der Vasenoberfläche als Inspirationsquelle genommen und mit dem Titel 'Kreise' gearbeitet. Silberne Aludrahtschlingen haben eine spiralförmige Struktur rund um die Vase gebildet, die ihren Abschluss in einer grünen Hypericumbeere fand. Die Xanadu-Blätter wurden ebenfalls in einer gebogenen Linie angeordnet und die Zwischenräume mit Schleierkraut und gelbgrünen Frauenmantelblüten locker gefüllt. Die runde Gerberablüte dient als Blickfang und eine blaugrüne Glockenblume bildet den Kontrapunkt. 
Das Farbschema beschränkt sich hauptsächlich auf verschiedene, zur Vasenfarbe passende Grüntöne, während das Weiß des Schleierkrauts die Verbindung zum Aludraht herstellt. Dadurch wirkt der Kontrast der rosafarbenen Gerbera noch stärker. Professor Sasaki fand die Komposition gelungen und lobte die Raumaufteilung, merkte allerdings an, dass das Ausstellungsarrangement mit mehr Blumen gearbeitet werden sollte. Besucher, die vielleicht nicht so viel Ahnung von Ikebana haben, werden durch leuchtende Farben und zahlreiche Blüten wesentlich besser angesprochen. 

Für die eigentlichen Ausstellungsarrangements wurden fünf unterschiedliche Überraschungspakete zusammengestellt, die morgen verlost werden. Wir dürfen untereinander tauschen, wenn wir mit dem Los nicht zufrieden sind, und auch sämtliche Restmaterialien stehen uns zur Verfügung. 
Bei den Vasen können wir eventuell innerhalb der Serie der zugeteilten Größe noch wechseln. Aber da wir jetzt mit der erforderlichen Technik vertraut sind, wird das wohl nur dann der Fall sein, wenn das zugeloste Material farbmäßig nicht zur Vase passen sollte. Ich bin mir sicher, dass sehr vielfältige Arbeiten entstehen werden.

Da das offizielle Seminar nun zu Ende ist, erhielten wir die Zertifikate überreicht und Professor Sasaki konnte noch zwei Diplome an Mitglieder der Study Group Bern verleihen. Während wir uns verabschiedeten, um den Tag gemütlich ausklingen zu lassen und Kraft für morgen zu sammeln, sind Kyoko und Sensei mit der Vorbereitung der Vorführung und ihren Ausstellungsarrangements beschäftigt. Morgen müssen schließlich noch all unsere Arbeiten korrigiert werden, bevor die Ausstellung am Abend im kleinen Kreis eröffnet wird. Da bleibt keine Zeit mehr für weitere Vorbereitungsarbeiten. Es wird wohl ein langer Abend werden, obwohl Sasaki-Sensei sehr zügig arbeitet.

Hier nun unsere beiden Werke, mit denen wir sehr zufrieden sind.

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