Der Ausstellungstag begann schon einmal recht vielversprechend. Wir durften nacheinander zu Professor Sasaki kommen und erhielten von ihm mit den Worten 'good luck' ein mehrfach gefaltetes Zettelchen mit der Nummer des Überraschungspaketes. Er scherzte noch, dass er schuld daran ist, wenn wir mit den Pflanzen nicht zurechtkommen sollten, da schließlich er für die Auswahl und Zusammenstellung verantwortlich sei.
Ich durfte mich über mein Wunschpaket freuen und auch Anne war mit ihrem Los sehr zufrieden. Zudem hatten wir noch jede Menge Restmaterialien der vergangenen Tage zur Verfügung, falls uns etwas fehlen sollte.
Wir konnten uns mit dem Arrangieren Zeit lassen, sollten aber bis Mittag fertig werden. Für eine erste Korrektur kam Sensei an den Arbeitsplatz, danach mussten wir unsere Arbeiten auf die zugewiesenen Ausstellungsplätze stellen und dort die Endkorrektur vornehmen lassen. Da speziell bei den Plätzen im Foyer (wo sich Anne und ich einen Tisch teilen durften) verschiedene Sichtachsen möglich sind, mussten wir besonders darauf achten, dass unsere Arrangements aus allen Perspektiven gefällig aussehen.
Anne arrangierte in ihrem Donut - diesmal auf Oasis - mit Silberpfennig (Lunaria, noch in der unreifen, grünen Form) als Strukturpflanze und roten Rosen als Hauptmaterial. Dazu kam noch eine kleine Wolke aus Frauenmantel an der Basis, aus der als Überraschungsmoment eine Anthurienblüte aus dem mitgebrachten Topf hervorlugte. Ursprünglich hatte sie eine Glockenblume verwendet, Sensei Sasaki meinte aber, der Kontrast wäre zu stark.
Mein Paket enthielt wunderbare, panaschierte Ingwerblätter, noch sehr geschlossene weiße Lilien, Spraynelken, Asparagus plumosus und ziemlich verbogene Liriope-Blätter, die als Affengras ausgewiesen waren. Die kamen gleich mal auf das Abstellgleis. Stattdessen wollte ich die mitgebrachten Binsen verwenden und vielleicht noch etwas Schleierkraut zur Aufhellung hinzufügen.
Die Lilien landeten kurz geschnitten im warmen Wasser und mit etwas Geburtshilfe öffneten sie sich zumindest ein wenig. Ihre volle Wirkung werden sie vermutlich erst morgen entfalten. Die Ingwerblätter wurden vorsorglich gedopt, da ich die Befürchtung hatte, dass sie sich eventuell einrollen könnten. Leider hat sich diese Vorahnung später bestätigt: Die jüngeren Blätter neigen dazu, sich zusammenzufalten, wenn es ihnen an Luftfeuchtigkeit mangelt.
Ich verwendete die Blätter zu beiden Seiten hin, allerdings in unterschiedlichen Winkeln, um den Raum abzugrenzen. Auf einer Seite unterstützten einige Binsen die Aufwärtsbewegung, gegenüber kam der Asparagus als Massekontrast zum Einsatz und wurde von etwas Schleierkraut begleitet. Die Lilien bildeten niedrig nach vorne gerichtet die Hauptblume und die orangefarbenen Spraynelken setzten farbliche Akzente. Das Oasis habe ich mit einer Schicht irisierender Glasmurmeln abgedeckt, die für einen weiteren Überraschungsmoment sorgen.
Professor Sasaki hatte an meinem Arrangement fast nichts auszusetzen, er hat nur eine lange, zur Seite hin verlaufende Spraynelke entfernt und eine stärkere Betonung der Akzente in der Mitte angeregt.
Leider gab es auch eine Panne mit einer Vasenserie, die ausgerechnet unseren Sensei betraf. Er hatte sein großes Arrangement – eine Kombination aus drei hohen Vasen mit Unmengen an Hortensien und Perückenstrauch – fertiggestellt, als die Vasen nach und nach undicht wurden. Schnell wurden Ersatzvasen aufgetrieben, von denen aber wieder welche leckten. Im Endeffekt musste er seine Arbeit mehrfach umgestalten, denn erst nach dem dritten oder vierten Umsetzen (und dem Trockenlegen der Ausstellungsfläche) waren alle drei Vasen dicht. Bewundernswert, dass Sensei seinen Humor nicht verloren hat und klaglos jedes Mal von vorne begonnen hat. Glücklicherweise war auch genügend Material vorhanden.
Gegen 14:30 Uhr begann dann der große Umbau des Vortragssaals. Hausarbeiter entfernten unsere Arbeitstische, reinigten alles und begannen damit, die Bestuhlung für die Demo am Samstag herzurichten. Währenddessen kümmerten wir uns um die Versorgung und Verteilung des Restmaterials und behielten nur das nötige Ersatzmaterial, falls bei den Ausstellungsstücken etwas ausgetauscht werden muss. Die Blumen und Gefäße für die Vorführung wurden ebenfalls verstaut.
Zu jedem Arrangement gibt es ein sehr schön gestaltetes Schild mit dem Namen des Ikebanesen und jenem der Keramikkünstlerin, die für das entsprechende Gefäß verantwortlich zeichnet.
Die Eröffnung ging um 17 Uhr mit geladenen Gästen über die Bühne und gestaltete sich sehr familiär. Neben uns Ikebanesen waren die Keramikkünstlerinnen, ihre Betreuer, Familie und Freunde anwesend. Auch der japanische Kulturattaché und Gattin gaben sich die Ehre. Ab 18 Uhr war die Ausstellung dann allgemein zugänglich.
Um das leibliche Wohl kümmerte sich das Mensapersonal überaus herzlich und liebevoll. Überhaupt ist das Haus sehr entgegenkommend und der Veranstaltungssaal eignet sich hervorragend für Ikebana.
Morgen haben Anne und ich gleich in der Früh Aufsichtsdienst. Unsere Schicht ist rechtzeitig zur Vorführung von Sasaki-Sensei zu Ende und danach haben wir frei und können ein wenig Sightseeing betreiben. Anne fährt dann noch am Abend heim, während sich mein Zug am Sonntagmorgen auf den Weg macht.
Die Ausstellung selbst läuft zwar noch bis Sonntagabend, da aber mein Gefäß bereits eine Käuferin gefunden hat und ich in Steckmasse gearbeitet habe, brauche ich mich um nichts mehr zu kümmern.
Hier nun die Bilder unserer Ausstellungsexponate. Die offiziellen Ausstellungsfotos werden zu gegebener Zeit auf der Website der Study Group Bern (https://www.ikenobobern.com/) veröffentlicht.





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